Der Neue Merker

ANTONIO VIVALDI / HENNING KRAGGERUD: „BETWEEN THE SEASONS“

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ANTONIO VIVALDI/HENNING KRAGGERUD: „BETWEEN THE SEASONS“; Simax Classics CD – Arctic Philharmonic Chamber Orchestra

Veröffentlichung: 25.8.2017

Kremer und Desyatnikov haben die erste Erweiterung mit dem Album „Eight Seasons“ inkl. Musik von Piazzola vorgeführt, es gibt sie „recomposed by Max Richter“ (bei der Deutschen Grammophon), arrangiert für Flöte & Streicher (Francois Lazarevitch, Les Musiciens de Saint-Julien) oder, wie dies Hansjörg Albrecht elegant zelebrierte, auf Orgel gespielt: Die Rede ist von Vivaldis Dauerbrennern, den unverwüstlichen und unverwüstbaren Concerti op.8 Nr.1-4 „, unter dem programmatischen Namen „Die vier Jahreszeiten“ Teil aller Wunschkonzerte. Es gibt Musik, die wird auf Tonträgern eigentlich immer sehr bis recht gut bedient, dazu zählt auch Vivaldis saisonales Vierergespann. Erst kürzlich hat das Concerto Köln mit Shunske Sato eine herausragende Interpretation vorgelegt.

Und schon wieder ist ein toller Renner am Start: Gar nicht arktisch, sondern temperamentvoll und sommerlich hitzig geht es zu in Henning Kraggeruds neuer Lesart der Vier Jahreszeiten. Die vier dreisätzigen Konzerte des Vivaldischen Op. 8 werden jeweils vier Kompositionen des Geigers, Komponisten und Dirigenten Henning Kraggerud („Preghiera“, „Postludium in B-Moll“, „the last leaf – Magnus in memoriam“ und „Victimae Paschali“) gegenübergestellt. Es sind sehr persönliche Jahreszeiten geworden. Vivaldis Konzerte werden auf dem neuen Album traumhaft schön und glutvoll intensiv musiziert, die akustisch verblüffend gut kommentierenden Eigenkompositionen des Solisten Kraggerud steigern noch einmal das Hörvergnügen. 

Das eigene Erleben mächtiger Winde haben  den Norweger Kraggerud inspiriert und hauchen ein Stück existenzielle Urgewalt in Vivaldis Kosmos. Letzterer wiederum lebte in einer Zeit meteorologischer Extreme (die „kleine Eiszeit“), wo es im Norden so kalt war, dass Vögel aus Kälte tot vom Himmel fielen und man von einer dänischen Insel zur anderen auf Schlittschuhen laufen konnte. Daraus schließt Kraggerud, dass die Jahreszeiten und das Gefühl für die dramatischen Wetterkontraste eines ganzen Jahres im Italien an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ähnlich gewesen sein müssen wie bisweilen im südlichen Norwegen heute. Und genau diese Wahrnehmung abseits allen Auto- und Flugzeuglärms ist in Vivaldis theatralischer Wetterkunde zu hören. Jedes der vier Konzerte kann nicht nur als Sinnbild der Jahreszeiten gelten, sondern als Gleichnis für den Bogen des Leben eines Menschen selbst. Wien genau Vivaldi gefühlt hat, ist aus den jeweils vier vierzehnzeiliges Sonetten für jede Jahreszeit zu ersehen. In diesen Gedichten wird das Zeitgefühl wunderbar passend beschrieben, wahrscheinlich hat Vivaldi die Verse selbst verfasst.

Der Komponist Kraggerud versteht die Musik Vivaldis als Speichen eines Rades, denen er zu Kontrast und Kommentar weitere Sprossen hinzufügt. Und siehe da, die Übung ist höchst gelungen, gar flott und bisweilen rumpelig vom Sturm und Gewitter umsaust dreht sich dieses Wagenrad des Lebens. Was das von ihm auch künstlerisch (vorerst bis 2020) geleitete Arctic Philharmonic Chamber Orchestra hier klanglich suggestiv und rhythmisch elementar leistet, ist phänomenal. Henning Kraggerud selbst spielt die Geige, wie sie wohl einst der legendenumwobene Vivaldi selbst beherrscht haben muss. 

Eine wunderbare, nie sensationshaschende CD, die nicht nur für jeden, der Gidon Kremers Sicht auf das Meisterwerk Vivaldis schätzt („Eight Seasons), unverzichtbar sein wird.

Dr. Ingobert Waltenberger

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