Der Neue Merker

ANNA FUCKING MOLNAR

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Filmstart: 24. November 2017
ANNA FUCKING MOLNAR
Österreich / 2017
Regie: Sabine Derflinger
Mit: Nina Proll, Murathan Muslu, Uwe Ochsenknecht, Nadeshda Brennicke, Gregor Bloéb, Robert Palfrader u.a.

Es gibt eine gewaltige Dosis Nina Proll in diesem Film, den sie sich selbst (zusammen mit Ursula Wolschlager) auf ihren herausfordernden Leib geschrieben hat. Thema: Sex. Was er im Leben der Schauspielerin Anna Molnar bedeutet (das „Fucking“ hat die schöne Doppelbedeutung von Fuck=Verdammt und Fuck=Ficken). So gut wie – fast alles. Es ist ein Film, der sich in jeder Hinsicht in fröhlicher, mutwilliger politischer Inkorrektheit ergeht, was durchaus etwas Erfrischendes an sich hat…

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Es beginnt im schönen Schauspieler-Milieu der Josefstadt. Die Premiere von Schnitzlers „Reigen“ steht bevor, Anna Molnar (man erlebt sie in der ersten Szene von Fans umringt, denen sie huldvoll Autogramme gibt) ist in der Rolle der „Schauspielerin“ eingesetzt. Der Theaterdirektor, auch Schauspieler (so etwas kommt in der Josefstadt vor – hier besetzt mit Proll-Gatten im Leben, Gregor Bloéb, der eine unleugbare Überzeugungskraft für halbseidene Charaktere mitbringt), ihr Liebhaber, ist auch ihr Partner in der Szene „Der Dichter und die Schauspielerin“.

Bevor es allerdings dazu kommt, ertappt sie ihn in der Garderobe im Liebesspiel mit der Kollegin, die das „süße Mädel“ spielt (Josefstädterin Alma Hasun). Na, da geraten sich die Damen in die Haare, und das im Wortsinn, Anna säuft ihren Kummer weg und kollabiert während der Premiere auf der Bühne. Abbruch. Ein Feuerwehrmann, der noch eine sehr große Rolle spielen wird (Murathan Muslu), trägt sie weg.

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Die nächste Wendung der Handlung gleicht (sicher unbeabsichtigt) jener, die man kürzlich mit Veronica Ferres in „Unter deutschen Betten“ erlebt hat: Die Dame, vom mächtigen Liebhaber vor die Tür gesetzt (auch das im Wortsinn: rausgeworfen, nimm Dein Zeug und verschwinde), steht vor dem Nichts und muss sich neu erfinden.

In diesem Fall gibt es den scheinbar reichen Papa, bei dem sie untertauchen kann: Dieser Herr, besetzt mit Uwe Ochsenknecht (der dermaßen nicht nach ihm selbst klingt, dass man meinen könnte, er sei österreichischen synchronisiert worden), ist würdiger Vater seiner Tochter, nämlich sexsüchtig (man kann ihn auch beim Rotkäppchen-und-böser-Wolf-Spielen mit einschlägiger Dame beobachten). Und das, obwohl er seiner verbiesterten Frau (Nadeshda Brennicke) doch einen so schönen neuen Busen gekauft hat… Mit seinen Unterleibsproblemen wird man auch reichlich konfrontiert, ob man das schätzt oder nicht (und Simon Schwarz genießt es, als unerträglich heiterer Arzt dort tätig zu werden). Im übrigen ist der Papa nicht so reich, wie er tut, aber immerhin kommt Töchterchen bei ihm unter.

Was nun? Erst einmal Sex – weil kein Mann greifbar ist, besorgt Anna es sich genüsslich in der Badewanne selbst, und man darf zusehen: Keine Frage, der Film ist ein richtig süffiger Soft-Porno, Nina Proll gibt sich hemmungslos exhibitionistisch, auch wenn sie riskiert, dass man diese Anna für ihr zweites privates Ich hält… Der Doktor, der sie komatös im Spital behandelt hat (Robert Palfrader, ganz auf blöd, was ihm nicht schwerfällt), landet später tief zwischen ihren Beinen, auch das ausführlich zu betrachten. (Als er von unten wieder auftaucht, fragt er hoffnungsvoll, ob er jetzt an der Reihe sei…)

In der Folge sorgt Nina Prolls Drehbuch dafür, dass die Schauspielerin Nina Proll alle Register ziehen darf, sozusagen das schauspielerische Können (und sie hat es) auf und ab bedienen. Und das muss sie auch, um über manchen (wohl selbst verfassten) hölzernen Dialog hinweg zu kommen. Vor allem, wenn es um den Feuerwehrmann geht, den sie zum Sexvollzug herausfordert, was der arme Mann nicht bringt, weil so auf Kommando und ohne Gefühl… Die Dame ist gnadenlos (und da wird’s peinlich), wenn sie ihn immer wieder in seiner Männlichkeit anzweifelt und aufreizt. Armer Kerl. Doppelt arm, weil er eine wirklich miese Frau hat (Franziska Weisz), die den Verlassenen (sie hat inzwischen offenbar einen Besseren) nach allen Regeln der üblen Weiber-Kunst mit der kleinen Tochter quält… Dass das arme Kind, zwischen den Eltern hin- und hergerissen, zu beten anfängt und folglich als „gestört“ betrachtet wird, ist sicher ein Element, das man sich hätte schenken können.

Witzig-parodistisch sind jene Sequenzen, wenn Anna Molnar wieder in den Job zurückfindet, indem sie in einer der unsäglichen Mittelalter-Schnulzen spielt, die das Fernsehen so schätzt. Da kann man ganz schön Vitriol über die Branche und ihre verlogenen Klischees gießen…

Kurz, Anna Molnar ist kein Opfer, darum geht es in diesem Film, den Sabine Derflinger um die Hauptdarstellerin gebaut hat. Auf besondere Glaubwürdigkeit ist das Ganze ja nicht angelegt, aber man kann es auch übertreiben: Ich möchte die Schauspielerin sehen, die von einer „Romy“-Preisverleihung wegläuft, wo sie soeben als „beste Schauspielerin“ gekrönt wurde, um ihrem Liebsten beim Strippen zuzusehen… aber das ist für das Happy End nötig.

Erstens darf sich nun auch der Feuerwehrmann mit seinen Muskeln und sonstigem ausstellen – und zweitens fällt auf, dass selbst in einem Film, der so fröhlich so viele Tabus bricht, der Erwählt trotzdem am besten ein Mann mit Migrationshintergrund (aber schönem Wienerisch!) ist. Irgendwo muss man sich doch dem Zeitgeist anpassen…

Im übrigen kann man Nina Proll nur gratulieren. Die fürchtet sich wirklich vor gar nichts.

Renate Wagner

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