Der Neue Merker

ALTE MUSIK: Ferdinando Bertonis ORFEO ED EURIDICE und Georg F. Händels IMENEO

 

 4260307437299 FERDINANDO BERTONI: ORFEO ED EURIDICE mit Vivica Genaux – colophon CD – Live Recording aus dem Teatro Comunale di Ferrara, 15.2.2014

Die ebenso auf ein Libretto von Ranieri de‘ Calzabigi von Ferdinando Bertoni verfasste Oper könnte man als kleine Schwester der berühmteren Gluck‘schen Version bezeichnen. Für drei Solisten (Orfeo, Euridice, Imeneo) konzipiert, beginnt die Oper mit einem déjá entendu, einem Chor samt Klagegesang des Orfeo…

Wie kam es zu dieser Bertonischen Fassung? Der Altkastrat Gaetano Guadagni, nicht nur ein äußerst virtuoser Sänger mit enormen Stimmumfang und darstellerischer Begabung, hat sich in den Opern, in denen er mitgewirkt hat, selbst um die Umarbeitung der Arien gekümmert. Wie ein Schneider hat der Sänger und Arrangeur so lange am Orfeo von Gluck herumgeschnipselt, bis das ganze wahrscheinlich unrettbar verkorkst war. das eErgebnis war, dass seinem Münchner Orfeo-Pasticcio aus 1776 kein durchschlagender erfolg beschieden war. Also beschloss Guadagni, eine „radikale“ Erneuerung des Werkes in Erwägung zu ziehen. Bertoni dürfte der richtige Mann am richtigen Ort gewesen sein. Also ran an die Sache und ein Remake gemixt, aber das weniger steif und statisch als Glucks Reformoper. Genüsslich hat hier Bertoni aus der italienische Operntradition duftende Wurzeln sprossen lassen und auch Stilelement des zeitgenössischen Buffo-Repertoires eingefügt. Im Duett Orfeo Euridice im dritten Akt scheinen die beiden sich sogar anzukeifen wie ein altes Ehepaar. Herrlich. Da für den Tenor Giacomo David eine Rolle gebraucht wurde, hat Bertoni kurzerhand den jugendlichen Amor durch die Figur des Imeneo ersetzt, einer reiferen Gottheit sozusagen.

Als Hörer kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie damals schamlos „gestohlen“ werden durfte. Die musikalischen Anleihen aus dem Gluck‘sche Oeuvre sind Legion, die Urheberrechtsprozesse, die so etwas heute auslösen würde, möchte man sich gar nicht vorstellen.

Der hier auf der CD festgehaltene Mitschnitt aus Ferrara mit dem Ensemble Lorenzo da Ponte, dem Coro Accademia di Santo Spirito Ferrara, sowie den Gesangssolisten Vivica Genaux (Orfeo), Francesca Lombardi-Mazzulli (Euridice) und Jan Petryka (Imeneo) bietet jedenfalls eine taugliche Basis, einen philologischen Vergleich anzustellen. Die CD bereitet aber auch manch köstlich Hörvergnügen. Der Dirigent Roberto Zarpellon sorgt für flüssige, kurzweilige Vorgaben und realisiert die Partitur so dramatisch und zugreifend packend, wie der antikisch-klassische Rahmen dies eben zulässt. Das Orchester spielt auf historischen Instrumenten, was biswielen für „schräge“ Intonation und Kratzer der Streicher verantwortlich sein dürfte. Die Aufführung steht und fällt aber mit der Qualität der Gesangssolisten. Und was da serviert wird, ist mit kleine Abstrichen durchwegs höchst erfreulich. Vivica Genaux hat „ihre Marilyn Horne gut studiert“. Ihr Kontraalt ist größer und dramatischer geworden, das Vibrato ist ausladend, ohne ins Unangenehme abzugleiten. Allerdings setzt Genaux ihre Stimme im Vergleich zu früher härter ein, man hat ihre edel timbrierte Stimme schon geschmeidiger gehört. Dennoch gelingt ihr, mit rein stimmlichen Mitteln ein überaus lebendiges Porträt des Wundersängers, der Tote aus dem Jenseits wieder ins Leben befördern kann zu zeichnen. Natürlich gibt es die Arie „Che farò senza Euridice“, die irgendwie anders als bei Gluck, aber doch wieder ähnlich beginnt um in einen dramatisch knackigen koloraturgespickten Schluss zu münden. Ein interessanter Hybrid aus Gluck mit Elementen der opera seria. Den musikalischen Höhepunkt der Oper bildet für mich aber die Arie „Che fiero momento“ der Euridice. Großartig, mit welcher Bravour Francesca Lombardi-Mazzulli diese an die Elettra im Idomeneo erinnernde furiose Arie singt. Jan Petryka als Imeneo ergänzt das Ensemble schönstimmig. Im Schlussterzett mit Chor „Trionfo amore“ wird die Liebe mit allem was dazugehört leidenschaftlich und mit heiterer Verve gefeiert. Fazit: Diese Oper bietet eine musikalische Begegnung, die einem ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Die Publikation kommt auch als Vergleich zur gerade in Vorbereitung befindlichen Premiere von Glucks Orfeo am 18.3. in der Staatsoper im Schillertheater Berlin höchst gelegen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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 8424562234055 Georg F. Händel – IMENEO – in der Fassung als Serenata „Hymen“ Dublin 1742, mit Fabio Biondi und Europa Galante 2 CDs –  Akademische Übung

Imeneo und Deidamia waren in London so wenig erfolgreich, dass Händel danach nur noch Oratorien komponierte. Ein Grund dafür war beim Imeneo (1740) das absurd schwache Libretto bar jeden Sinns aber auch eine Musik, die dem damaligen Zeitgeschmack ganz einfach nicht mehr entsprach. So lässt Händel die Arie des Tirinto im ersten Akt ausschließlich von basso continuo begleiten, eine Praxis, die schon 1730 weitgehend als überholt galt. Für eine Tournee nach Dublin arbeitete Händel Imeneo zur Serenata in drei Akten um: Arien wurden weggelassen, ein Duett hinzugefügt, bei den Secco Rezitativen gnadenlos gestrichen, transponiert, die Bedeutung von Rollen entsprechend der gerade verfügbaren Sänger angepasst. Diese Fassung hat Fabio Biondi in Halle im Juni 2015 eingespielt.

Worum geht es in dieser Oper? Um eine verzweifelte Liebe, die sich der Staatsraison beugt, also den Sieg der Vernunft über das persönliche Verlangen der Leidenschaft. Von Piraten entführt, soll sich Rosmene (Monica Piccinini) zwischen dem von ihr in Wahrheit geliebten Tirinto (Ann Hallenberg) und ihrem Retter Imeneo (Magnus Staveland) entscheiden, der die Fürsprache des Athener Senats genießt. Drei Akte lang kann sich die so Begehrte nicht entscheiden, um final einer fragwürdigen moralischen Pflicht zu genügen. Uff. Dümmliche und für heutige Verhältnisse vollkommen abstruse moralische Keulen ist man ja in Barockopern gewohnt. 

Leider zählt Händels Musik in dieser Oper nicht zu seinen besten Eingebungen. Daran konnte auch die Umarbeitung nichts retten. Seltsam stereotyp klingen die Arien, besonders der erste Akt leidet unter einer vollkommen leidenschaftslosen Klangsprache. Aber auch im Rest der Oper wartet man vergebens auf die große Inspiration, die virtuos mitreisst oder Empathie mit den Protagonisten auslösen könnte. Seltsam oberflächlich plätschert die Musik ohne Effekte zum großen Gewissenskonflikt. Im Vergleich zu anderen Opern Händels kann von einem Kammerstück gesprochen werden. Die dramatische Spannung beruht auf dem simplen Wechselspiel einiger weniger Figuren (zu den bereits Genannten gesellen sich noch Fabrizio Beggi als Argenio und Cristina Arcari als Clomiri), das Orchester beschränkt sich auf Streicher und Cembalo. Oboen und Fagotte hat der Dirigent weggelassen. Freilich ist Fabio Biondi – wie man es auch von ihm nicht anders gewohnt ist – Garant einer gediegenen musikalischen Umsetzung. Spürbar intensiv und fein gearbeitet wurde mit Orchester und Solisten. Obwohl es sehr schöne Momente gibt (z.B. das Terzett Imeneo, Rosmene und Tirinto im zweiten Akt) will für mich der befreiende Funke nicht überspringen. Für enzyklopädische Händel-Sammler ist diese Edition aber sicherlich ein Gewinn.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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