Der Neue Merker

Alfred A. Fassbind: MAX LICHTEGG – Nur der Musik verpflichtet

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Alfred A. Fassbind:
MAX LICHTEGG – Nur der Musik verpflichtet

Buch: Römerhof Verlag – Box mit 4 CDs: Andromeda – beide 2016

«Ein Vergessener meldet sich zu Wort»

Alfred A. Fassbind, der Autor dieser bisher einzigen Biographie Max Lichtegg – Nur der Musik verpflichtet (1. Auflage 2016), hat wie bei seiner viel beachteten Arbeit über den Tenor Joseph Schmidt, (der ebenfalls mit der Schweiz verbunden war, wenn auch nicht auf so glückliche Weise wie Max Lichtegg) hier eine Biographie vorgelegt, die sich durch eine höchst sorgfältige Recherchenarbeit auszeichnet, wie durch eine zwar verehrende, doch auch kritisch-distanzierte Stellungnahme. Dabei verdient es der Tenor Max Lichtegg, Schweizer Tenor mit galizisch-wienerischen Wurzeln, dem Vergessen entrissen zu werden, denn – wie es die gleichzeitig erschienene Box mit 4 CDs beweist – Max Lichtegg war ein ausserordentlicher Sänger.

Als Munio Lichtmann 1910 in Galizien geboren, kam er bereits als achtjähriger Junge nach Wien, errang schon mit seinem Knabensopran in der Synagoge Aufmerksamkeit und liess seine Stimme ausbilden. Schon bald sang der lyrische Tenor bei jeder Gelegenheit, vor allem im Metier des sogenannten «leichten Fachs», das sich als seine eigentliche Domäne herauskristallisieren sollte. Mit dem Aufkommen der Nazis beschloss Max Lichtegg, wie er sich fürderhin nannte, in der Schweiz ein Engagement anzunehmen. Er ging ans Stadttheater Bern, wo er 1936-37 alles sang, was nicht niet- und nagelfest war. Bevor er ans Stadttheater Zürich (= später Opernhaus Zürich) engagiert wurde, war er «Gast in Permanenz» am Stadttheater Basel, wo sich neben dem jungen Hans Beirer als Operettentenor (!) keine Vakanz für eine Festanstellung für Lichtegg ergab. Dann kam seine grosse Zeit am Stadttheater Zürich, wo er von 1940 bis 1947 der führende lyrische Tenor war. Er hatte Glück: Max Lichtegg hatte die Bernerin Olga Kaufmann geheiratet, konnte in schlimmen Zeiten in der Schweiz bleiben und eine höchst renommierte Karriere aufbauen. Er sang sowohl in Operetten – wodurch er in diesen Jahren auch durch viele Radio-Sendungen ein «Haushalt»-Name wurde -, als auch im lyrischen Fach (Tamino, Belmonte etc.) und in der Fach-Erweiterung als Tom in der deutschen Erstaufführung von Strawinskys «The Rakes Progress». Nicht nur als Sou-Chong, sondern auch als Lohengrin war Lichtegg ein Garant für volle Häuser. Nach dem Krieg entwickelte sich auch seine internationale Karriere, die ihn unter anderem auch in die USA führte. In Kalifornien sang er in einem konzertanten 1. Akt der «Walküre» (ab 3. Szene) einen respektablen Siegmund mit Rose Bampton, Sieglinde an der Met und bei Toscanini. Aber auch an der Staatsoper in den Ausweichquartieren war er oftmals als gern gesehener und gehörter Gast, neben in Operetten auch als Tamino und Lohengrin mit Maria Reining als Elsa. In Zürich begleitete er auch die frühen Jahre der jungen Lisa Della Casa und sang am Ende seiner Karriere, die gut 50 Jahre dauerte, sogar noch mit Dagmar Koller.

Sein «Set-Back» war, dass er von den Operndirektionen nur mehr als Operettentenor wahrgenommen wurde, während er um seine Opernpartien richtiggehend kämpfen musste. Einen Wechsel ins Charakterfach (Herodes, Kaiser in Turandot) lehnte er entschieden ab. Dafür konzentrierte er sich auf seine Konzertauftritte in Operettenabenden, in Oratorien und im Liedgesang. Hatte er doch 1947 den jungen, damals noch unbekannten Georg Solti als Klavier-Begleiter in eine Aufnahmesitzung der Decca mitgebracht, wonach sich dessen Karriere blühend entwickelte. Auch in Konzertauftritten, bspw. mit Schuberts Müllerin, begleitete ihn Solti, der es ihm aber später nicht mit Gegen-Engagements vergalt…

Max Lichtegg war – trotz vielen Zurücksetzungen, menschlichen Enttäuschungen und mitunter auch antisemitischen Anfeindungen – trotz allem ein «Glückspilz» und liebte sein Leben, hielt nichts von Rachegefühlen und war allseits nicht nur eine Berühmtheit, sondern auch ein liebenswürdiger Gentleman, wie sich eine berühmte Sopranistin erinnerte. In zweiter Ehe war er mit Marietta Winterhalder verheiratet. Aus der ersten Ehe stammen Sohn Theodor und die 1973 leider früh verstorbene Tochter Rachel. Sohn Theodor Lichtmann wurde Konzertpianist und lebt in den USA, begleitete auch oft seinen Vater bei Liederabenden.

Das in gutem flüssigem Stil geschriebene Buch von Alfred Fassbind liest sich ausgezeichnet und fächert die Opern-Szene der Kriegszeit in der Schweiz ebenso auf, wie sie ein Bild der Nachkriegszeit bis in neunziger Jahre abgibt. Lichtegg verstarb 1992. Reichlich abgebildete Theaterzettel nennen berühmte Leute und ein reiches Foto-Material ergänzt das aufschlussreiche Buch. Ein ausführliches Rollenverzeichnis und eine Diskographie vervollständigen diese wertvolle Arbeit. Leider fehlt ein Personen-Nachschlage-Register.

Die gleichzeitig mit dieser Biographie veröffentlichte CD-Box «Max Lichtegg «A Voice for Generations» der Firma Andromeda zeigt auf je einer der 4 CDs seine Fächer auf: Oper, Operette, Lied und Geistliche Gesänge, wo vor allem der Live-Mitschnitt der Uraufführung der Kantate «Vision eines Propheten» von Ben-Haim (Paul Frankenburger) vom 27.8.1962 aus Israel, Dirigent Gary Bertini, ein bewegendes Zeugnis liefert. Erstaunlich stilsicher ist das Tenor-Solo aus Verdis Requiem. Sehr schön auch die frühen Opernaufnahmen mit dem Lied vom Kleinzack und der heiklen Arie des Fra Diavolo, während die beiden Mozart-Arien eher etwas antiquiert anmuten, da hat sich doch Einiges verändert; dies soll aber nicht die stimmliche Perfektion in Abrede stellen, mit der Lichtegg diese Arien singt. Charmant und sauber gesungen sind durchweg alle Operetten-Arien, besonders gefällt das frech gesungene Couplet: Fräulein Mizzi und ihr Leutnant aus Oscar Straus’ «Walzerparadies». Zeitlos wirken sein Schujskij (Live-Aufnahme aus Monte-Carlo von 1955 mit Nicola Rossi-Lemeni als Boris, Dirigent: Otto Ackermann, russisch gesungen) und der leider nur in einem Ausschnitt (Klavierbegleitung: Erich Widl) vorhandene «Rake» Tom. Max Lichtegg sang die Erstaufführung der deutschen Fassung 1951 in Zürich, wozu ihm der Komponist selbst gratulierte. Ganz fabelhaft sind die beiden englisch gesungenen Léhar-Titel, wo Lichtegg beweist, wie man diese «Schmankerl» wunderbar auf dem Atem klingend singen kann. Leider fehlt eine akustische Erinnerung an seinen Lohengrin. Dafür entschädigt die oben erwähnte 3. Szene des 1. Walküre-Aufzuges mit Rose Bampton (Los Angeles Symphony Orchestra, Dirigent: Alfred Wallerstein). Ganz fabelhaft auch der «Erlkönig» in der Orchesterfassung von Max Reger und ebenfalls von Schubert das «Ständchen» (Orchesterfassung von Felix Weingartner) – beide hervorragend gesungen und bewegend interpretiert.

Wie überhaupt in allen Aufnahmen durchweg die perfekte Technik des Sängers beeindruckt und begeistert: eine reine Intonation, die auch in den späten Jahren nicht nachlässt, ein gutes, gestütztes Legato, eine sichere Höhe, eine deutliche, aber nicht manierierte Diktion und ein interessantes Timbre, das von einem leichten Schleier umgeben ist. Max Lichtegg ist trotz der sicher strahlenden Höhe kein «Blender»-Tenor, sondern ein Sänger mit einer kultivierten Stimme, der man nur zu gerne zuhört!

John H. Mueller  

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