Alban Berg: WOZZECK

by R.Wagner | 11. Januar 2017 16:18

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Alban Berg: WOZZECK
Houston Symphony, Hans Graf 

NAXOS 2 CDs

Roman Trekel und Anne Schwanewilms in tief berührenden Rollenporträts

„Man muss die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen…“ Georg Büchner

Der Oberösterreicher Hans Graf ist dem Houston Symphony von 2001 bis Mai 2013 vorgestanden, die längste Chefposition in der Geschichte des 1913 gegründeten texanischen Klangkörpers. Als vielleicht persönlichstes Abschiedsgeschenk hat sich der Maestro Bergs Wozzeck gewählt. Die Vorarbeiten begannen 2011, immerhin mussten 500.000 Dollar an Sponsorenmitteln zusätzlich aufgetrieben werden, um die Gagen der Sänger und die Extraproben bezahlen zu können. Graf bezeichnet Wozzeck als das größte musikdramatische Werk des 20. Jahrhunderts, die Musik changiert zwischen tonal, unerhörten Lyrismen und Atonalität, aber es geht zuvörderst um Humanität um Mitleid. In Grafs Ansatz mit dem bestens vorbereiteten Orchester ist genau dieses Sangliche, Fühlbare stets wichtiger als die nackte Struktur, als der demonstrative Verweis auf Modernität. In dieser Hinsicht ist Grafs neue Interpretation Böhm näher als diejenige von Boulez oder Abbado. Das menschlich, allzu menschliche Drama um Eifersucht und Tod an der sozial untersten Skala der Gesellschaft in 15 Szenen wird nun von Naxos auf Basis von zwei konzertanten Aufführungen am 1. und 2. März 2013 in der Jones Hall for the Performing Arts in Houston publiziert.

Das auch technisch vorzüglich aufgenommene Tondokument zeichnet sich neben den unglaublich fein ziselierten, aufwühlenden Orchesterzwischenspielen durch eine höchstlebendige Bühnenatmosphäre und zwei herausragende Interpreten als Wozzeck und Marie aus. Roman Trekel, der die Titelpartie der Oper u.a. schon an der Mailänder Scala und in Berlin verkörpert hat, ist ein eher introvertierter Titelheld, das „Kreatürliche“ weniger ausspielend als das stille Leiden des sich ins Schicksal Ergebenden. Anne Schwanewilms als Marie erstaunt durch ungewohnte Leidenschaftlichkeit, den Gesangslinien mit ihrem edlen Sopran eine schon fast belkanteske Note verleihend. Stupend! Für mich vielleicht ihr bislang eindringlichstes Rollenporträt auf Tonträgern. Als Hauptmann weiß Marc Molomot mit Autorität und Kopfstimme zu überzeugen, an der Aussprache des deutschen Textes könnte er noch arbeiten. Der kanadische Bariton Nathan Berg stattet den Doktor vokal mit der nötigen Härte und Kälte aus. Als Tambourmajor setzt Gordon Gietz die nötigen heldischen bis testosterongeladenen  Akzente. Robert McPherson als Andres, die legendäre Katherine Ciesinsky als Margret sowie Brenton Ryan als Narr tragen zu einer stimmungs- und elementar wirkungsvollen Aufführung bei. Die Chöre werden von Mitgliedern des Houston Grand Opera Children‘s Chorus und den Studenten und Alumni der Sheperd School of Music, Rice University, gesungen. 

Der vorliegende Wozzeck-Mitschnitt ist einer der interessantesten und auch von der Besetzung her musikalisch überzeugendsten auf Tonträgern, jedoch interpretatorische Extreme aussparend.

Dr. Ingobert Waltenberger

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