Der Neue Merker

Adam PALKA – ein Baß-Juwel mit Spiellust

Im Portrait:  ADAM  PALKA   –  ein Baß-Juwel mit Spiellust

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Adam Palka privat. Copyright: Martin Sigmund

Das Aschenputtel-Dasein Angelinas in der Stuttgarter Neuinszenierung von Gioacchino Rossinis Oper am Ende der Spielzeit 2012/2013 konnte sich nur zum Triumph des Guten wenden, weil der Lenker der Geschicke, des Prinzen Erzieher und Lehrer Alidoro diesen Wandel mit einer alle Zweifel hinweg wischenden vokal-expressiven Größe und Würde zur Wirkung brachte und so die hauptsächlich aus dieser Bravour-Arie bestehende Partie zum Zentrum der Aufführung machte. Was der damals noch als Gast aus Düsseldorf engagierte 30jährige Pole aus dieser in vielen erlebten Interpretationen meist nur solide bewältigten Arie an funkelnd stimmsatter Pracht heraus holte und aus dem reizvollen Kontrast zwischen geerdetem Baß-Timbre und ausgeprägt stabilen Höhen mit unendlich scheinendem Atem in den geforderten langen Bögen bislang ungeahntes Kapital schöpfte, gehört zu den überwältigenden und unvergesslichen Ereignissen, wie sie die Bühnenkunst immer mal wieder hervorbringt.

Die Freude war groß als Adam Palka ab der darauf folgenden Spielzeit fix ins Stuttgarter Ensemble engagiert wurde und seither in einigen bedeutenden Rollen kontinuierlich hohe, teilweise sogar höchste Maßstäbe an Gesangskunst in Verbindung mit adäquatem darstellerischem Potential repräsentiert hat. Es war also höchste Zeit zu erfahren, was für ein Mensch und Charakter hinter diesem Ensemble-Schatz steht.

Anfänge

Nicht wie bei so vielen Kollegen hatte ein Live-Erlebnis oder zumindest eine mediale Übertragung das Feuer für seinen Beruf entfacht, eine solche Begegnung erfolgte bei ihm mit 18 Jahren relativ spät. Aber vielleicht war es ja letztlich viel entscheidender, dass er schon  früh einen Drang zur künstlerischen Ausübung, zur Bühne hatte, egal ob als Schauspieler oder Musiker. Und dass seine Mutter ihn nicht an einer riesigen staatlichen Schule der Anonymität ausliefern wollte, sondern in eine musikalische Grundschule mit anschließendem Gymnasium geschickt hatte. Dort begann Adam Palka mit dem Cello-Spielen, wechselte aber später aufgrund technischer Probleme und auf Anraten einer Professorin, die ihm eine gute Stimme bescheinigte, zum Gesang. Da sein Heimatort, eine Kleinstadt in der Umgebung von Breslau und ca. 70 km von der deutschen wie auch der tschechischen Grenze entfernt, hauptsächlich von Kohleminen und kaum von hochkultureller Infrastruktur geprägt ist, kam er mit Beginn des Musikstudiums nach Danzig und an der dortigen Baltischen Oper zum ersten Mal mit diesem Metier in direkte Berührung.

Kurioserweise hatte er sein Bühnendebut im Rahmen eines in Danzig neu kreierten Balletts über „Don Quijote“, in dem der Ritter von der traurigen Gestalt als Zeichen seiner Herkunft aus einer anderen Welt als einziger nicht tanzen, dafür singen können sollte. Mit diversen kleinen Rollen wie dem Antonio in Mozarts „Nozze di Figaro“ startete er dann sein Opern-Repertoire, bis er über die Zwischenstufen Sparafucile und Masetto mit dem Leporello die erste Hauptrolle erobert hatte. Das war 2009. Bereits ein Jahr davor hatte er den zweiten Preis beim größten polnischen Gesangswettbewerb gewonnen und in der Folge eine Einladung als Gast an die Warschauer Oper erhalten, wo er nach wie vor regelmäßig in Erscheinung tritt.

 

Entwicklung

Durch Francisco Araiza, der in Warschau ein Konzert gesungen und einen Workshop im Vorfeld eines geplanten Opernstudios gegeben hatte, kam er zur Saison 2009/10 an die diesbezüglich gut etablierte Einrichtung an der Zürcher Oper. Dort hatte er Gelegenheit viele prominente Sänger bei den Proben zu beobachten und ganz besonders Leo Nucci zu bewundern. Die Leiterin des Opernstudios organisierte zum Ende eines Studienjahres Vorsingen für Agenten. Die Folge war eine Einladung zu einer Audition an der Deutschen Oper am Rhein, wo Palka dann in den drei folgenden Spielzeiten seine bisherigen Rollenerfahrungen ausbauen und neue erarbeiten konnte. Dabei lernte er auch die großzügige Probenzeit für Premieren sowie die Möglichkeit schätzen, immer genügend Pianisten zum Rollenstudium zur Verfügung zu haben.

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Adam Palka als Mephisto. Copyright: Thomas Aurin/ Staatsoper Stuttgart

Stuttgart

War er dort auch noch in kleineren Partien wie dem Fünften Juden in „Salome“ eingesetzt, so erlebt ihn Stuttgart seit dem eingangs erwähnten Alidoro ausschließlich in größeren und gewichtigen Aufgaben. Ihn nur in einer sogenannten „Wurzen“ einzusetzen, wäre im Hinblick auf seine Qualitäten nichts anderes als purer Luxus. Eine gut dosierte Mischung aus Spiellust und Tiefgang hat bisher alle seine Interpretationen bestimmt, gestützt von seiner nach baritonalen Anfängen nun bassgerecht dunkel timbrierten Stimme mit einem für dieses Fach in außergewöhnliche Regionen reichenden, sicherst und zuverlässigst ansprechenden Höhenregister. So verblüffte er als Basilio nicht nur mit der bedrohlich anschwellenden Schilderung der Verleumdung, vielmehr krönte er sie mit einem hohen G, das in Kombination mit der tiefer gelagerten C-Dur-Version von besonders effektiver Wirkung ist. Ein italienischer Dirigent hatte ihm einstens zu diesem Versuch geraten. Dass er sich diese Topnote wie auch den eingangs genannten Triumph als Alidoro recht hart erarbeiten musste, überrascht denn doch im Rahmen seines immer unangestrengt und leicht fließenden Vortrags.

Die warm edle Färbung seines hohen Basses kommt ihm ganz besonders bei Einsätzen im Belcanto-Fach zugute. Die beiden Bellini-Gestalten, der Schwerenöter Conte Rodolfo in „La Sonnambula“ und der Fäden spannende Sir Giorgio in „I Puritani“  profitieren ganz erheblich von diesen vokalen Gegebenheiten, ganz zu schweigen vom geschmeidigen Phrasieren der langen Kantilenen, die mit einem wohltuenden Bad zu vergleichen sind. Nicht von ungefähr kommt wohl auch sein Traum vom Verdi-Repertoire. In Stuttgart stellte er sich erstmals mit einem schwarzen Charakter vor: dem über Leichen gehenden Conte di Walter in „Luisa Miller“. Auch da faszinierte seine Kombination aus Bühnen-Charisma und bis ins Detail gehender vokaler Durchdringung in Verbindung mit füllig bassiger Tragfähigkeit. Zaccharia, Fiesco oder Philipp sind bei aller Vorliebe noch deutliche Zukunftsmusik.

Ursprünglich hätte Adam Palka diesen Herbst mit dem Sparafucile einen weiteren düsteren Charakter verkörpern sollen, stattdessen feierte er ein glorioses Debut als Mephisto in Gounods „Faust“. Die Anfrage kam relativ spät, aber noch rechtzeitig, um im letzten Sommer die Rolle zu studieren und zu testen, ob sie ihm liegt. Und wie sie das tut! Hier trügt der Schein einer spielerischen Bewältigung aller Klippen von verführerischer Finesse bis zur puren Machtdemonstration nicht, als chevaleresker Teufel fühlt er sich pudelwohl. Gounods Version ist bequem für ihn notiert, so als ob er sie lange wird singen können. Und sie bereitet ihm so großen Spaß, dass er sich auf jede Vorstellung besonders freut. In diesem Zusammenhang drückt er auch seine Dankbarkeit für die großzügige Unterstützung aus, die er nicht nur bei dieser Erarbeitung, sondern generell vom Team der Stuttgarter Oper bisher erfahren hat. Auch wie er jetzt speziell in der darstellerischen Umsetzung von der intensiven schauspielerischen Ausbildung während seines Studiums profitiert. Sonstige Erweiterungen seines Repertoires finden auch außerhalb Stuttgarts statt, so wird er z.B. noch in dieser Spielzeit in Posen sein Debut als Pimen in „Boris Godunov“ geben. Stuttgart muss sich im russischen Sektor vorerst mit der zwar wichtigen, aber doch kleinen Partie des Fürsten Gremin in „Eugen Onegin“ begnügen.

Zukunft

Im Übrigen bedauert Adam Palka, dass Puccini keine tragenden Bass-Partien geschrieben hat und hofft für die Zukunft auf die Eroberung des deutschen Repertoires, auch in interpretatorischer Hinsicht reizt ihn so manche Figur Richard Wagners. Sein diesbezügliches Vorbild ist sein Landsmann Tomas Konieczny, doch momentan wären die Musikdramen noch zu früh, ebenso der Sarastro, während der noch tiefer gelagerte Osmin auch künftig außerhalb seiner Möglichkeiten liegen oder zumindest ihm nicht das Gefühl müheloser Bewältigung geben dürfte.

Konzert-Einsätze beschränken sich bislang noch auf einige Klassiker wie u.a. die Requien von Mozart und Verdi oder Rossinis „Stabat mater“, Adam Palka würde diese Sparte aber ebenso gerne erweitern wie sich der Herausforderung eines Liederabends stellen, auch wenn er noch nicht sicher ist, ob ihm diese Form schmecken wird. Außerdem fehlt es dafür an Vorbereitungszeit, weil jedes Lied mit seiner Geschichte separat und gründlich erarbeitet werden muss.

Kein Wunder, dass die Freizeit knapp bemessen ist und sich zur Zeit außer dem Joggen zur guten Formerhaltung auf seinen 10monatigen Sohn konzentriert. Da haben auch Lese-Wünsche (Biographien und Dokumentationen) und das Hören von Jazz- und Rockmusik kaum Platz, zumal er in der Sommerpause die Oper schon nach zwei Wochen zu vermissen beginnt.

Bleibt zu hoffen, dass die von ihm gesetzten Maßstäbe und die dadurch entsprechend erlangte hohe Reputation beim Stuttgarter Publikum der ab 2018 amtierenden Nachfolgedirektion genügend Anlass geben, ihn für Stuttgart längerfristig zu erhalten, und er die Möglichkeit bekommt sein Repertoire behutsam und klug auszubauen. Auf ein solches Gesamtkunstwerk-Juwel wie Adam Palka kann eigentlich kein Theaterleiter verzichten wollen.

Udo Klebes  / Dezember 2016

 

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