Der Neue Merker

Abschied von einem ganz Großen

JON VICKERS   1926 bis 2015

Jon Vickers

Jon Vickers

Jonathan Stewart Vickers, CC, Dr. Mus.,  kanadischer Heldentenor. Er wurde in Toronto ausgebildet und debütierte 1956 in London, dann 1958 bei den Bayreuther Festspielen als Siegmund, einer seiner Paraderollen.

Geboren: 29. Oktober 1926 (Alter 88), Prince Albert, Kanada Gestorben: 11. Juli 2015

Ehepartnerin: Henrietta Outerbridge (verh. 1953–1991)

YOUTUBE – Auschnitt aus Verdis OTELLO

 

 

JON VICKERS ZUM GEDENKEN

Ein Beitrag von Heinrich Schramm-Schiessl

 

Es war der 1. Oktober 1975 in der Wiener Staatsoper, als sich das Wiener Publikum bei einer „Othello“-Aufführung mit einem Sänger versöhnte, dem bis dahin ein eher großer Teil kritisch gegenüberstand, oder, formulieren wir es positiv, der nur von einem eher kleinen Teil des Publikums enthusiastisch, aber dafür umso treuer geliebt wurde – Jon Vickers. Ich gehörte zu letzterer Gruppe und habe ihn in vielen Diskussionen immer wieder heftig verteidigt. Das Problem war, dass es nicht genügte ihn zu hören, sondern man musste ihn einfach erleben, und dieses Erlebnis kannten damals viele nicht (mehr), da er nach Ende der Ära Karajan nur ganz wenige Abende in Wien auftrat. An diesem Abend kamen schon in der Pause, nach einem mit Giuseppe Taddei fuliminant gesungenen Rache-Duett, viele Stehplatz-Kollegen zu mir und sagten „Du hast recht!“. Das ganze hat sich dann ein Jahr später bei einem „Tristan“ im Dezember 1976 noch verstärkt. Leider hat er diese Partien, die zusammen mit dem Canio im „Bajazzo“ mit seine besten waren, jeweils nur einmal in Wien gesungen. Vickers kam bald nach Beginn der Ära Karajan an die Wr. Staatsoper und debutierte am 8.1.1959 als Siegmund in der Walküre. Ab da sang er regelmäßig, wenn auch im Gegensatz zu anderen großen Sängern nicht ganz so häufig einen Großteil seiner wichtigen Partien. Sein „Unglückstag“ war der 25.5.1962, als er bei der „Fidelio“-Premiere einen eher rabenschwarzen Abend hatte. Allerdings war er keineswegs so schlecht, wie viele damals getan haben. Dabei war gerade der Florestan eine Rolle, in der er seine gesamte Gestaltungskraft auf eindrucksvollste Weise zur Geltung bringen konnte. Besonders der Moment, als sich Leonore zu erkennen gibt, wurde von keinem anderen Sänger so berührend dargebracht wie von ihm. Gundula Janowitz, die den Fidelio mit ihm in Orange gemacht hatte – von dieser Produktion gibt es übrigens eine DVD – schilderte das in einem „Opernfreunde“-Gespräch einmal so: „In dem Moment hat er nur mehr einenen Gedanken: Wie bringe ich meine Frau hier heil heraus!“.

Nach den großen Erfolgen als „Othello“ und als „Tristan“ kam er dann doch wieder öfter, wenn auch leider trotzdem zu selten nach Wien und brachte es auf insgesamt 69 Abende, wobei er den Canio mit 14 mal am öftesten sang. Dieser Rolle galt auch sein letzter Auftritt in Wien am 3.2.1987. Ich erinnere mich an diese Vorstellung noch sehr genau. Seine Stimme hatte nicht mehr die Gewalt früherer Jahre, aber wie er bei „Sperai, tanto il delirio“ fast in ein Pianissimo verfiel, lief es einem eiskalt über den Rücken. Jeantte Pilou sagte einmal, Vickers war der einzige Canio, bei dem sie sich wiklich gefürchtet hat. Es waren gerade die leidenden, getretenen und unglücklichen Menschen, die er so hinreißend darstellen konnte. Seine in dieser Richtung wahrscheinlich eindrucksvollste Partie war der „Peter Grimes“. Leider habe ich ihn in dieser Rolle nie „live“ auf der Bühne erlebt, aber die DVD, die es davon gibt, belegt das bis ins letzte Detail. Meine Schlüsselerlebnisse mit Vickers erlebte ich in Salzburg. Sein Siegmund und sein Tristan – unvergesslich sein „Kurwenal, siehst du es nicht“ – bei den Osterfesrtspielen blieben für mich nie wiedergekehrte Sternstunden und seit ich ihn im Sommer 1970 das erste Mal als Othello erlebte, hat mir eigentlich kaum jemand mehr in dieser Rolle wirklich gefallen. Was ich ungemein bedaure ist, dass das an sich geplante „Wozzeck“-Projekt unter Karajan nie zustande kam, denn diese Rolle wäre ihm auf den Leib geschrieben gewesen. Dass das nämlich auch ein Tenor singen kann, hat schließlich Gerhard Stolze von 1969 bis 1971 in Wien bewiesen.

 So ist mit Jon Vickers wieder ein ganz Großer der goldenen Opernära von uns gegangen. Zum Glück sind viele seiner Aufführungen auf Ton- und Bildträger erhalten geblieben.

 Heinrich Schramm-Schiessl

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