Der Neue Merker

NORDHAUSEN: TIEFLAND. Premiere

NORDHAUSEN: TIEFLAND (Premiere) am 17.1.2014

(Werner Häußner)

Tiefland 11 klein
Kai Günther (Sebastiano) und Joshua Farrier (Pedro) in Eugen d’Alberts „Tiefland“ in Nordhausen. Foto: Roland Obst.

 Es fällt leicht, sich’s mit Eugen d’Alberts „Tiefland“ zu leicht zu machen: Jahrzehntelang gehörte das Erfolgsstück von 1903 zum Repertoire, affirmativ betrachtet als ein „deutscher Beitrag zum ‚Verismo‘“, als eine Parabel über unverdorbene Natur- und degenerierte Gesellschafts-Menschen. Die Kolportage-Geschichte des Feuilletonisten Rudolph Lothar störte nicht, war sie doch Voraussetzung für eine schlagkräftige, emotional unmittelbar wirksame Musik. Eugen d’Albert liebte solche scharf, aber auch eindimensional geschnittene Groschenroman-Texte: nachzuprüfen etwa an seinem zweiten Großerfolg, „Die toten Augen“, aber auch an seiner – trotz einer glücklichen Wiederbelebung in Meiningen und einer erneuten szenischen Prüfung in Augsburg – unbekannt gebliebenen späten Zeitoper, der Kriminalgeschichte „Die schwarze Orchidee“.

Zu leicht macht es sich auch die kritische Seite: „Tiefland“ in die Wagner-Epigonie abzuschieben wird der Musik d’Alberts nicht gerecht, denn seine Inspirationsquellen sind vielschichtiger und weisen eher nach Italien. Wer mit der Schwarz-Weiß-Malerei des Sujets argumentiert, dürfte eine ganze Reihe von Bösewichtern und Gutmenschen auf der Müllhalde der Librettistik entsorgen. Und völlig abwegig ist es, aus einer ominösen Affinität Hitlers zu „Tiefland“ ein relevantes Argument ableiten zu wollen: Dann möge man, bitteschön, auch „Lohengrin“ oder „Die lustige Witwe“ von der Bühne verbannen.

Zum Glück hat sich der Umgang mit Trivialromantik und Unterhaltungsliteratur in den letzten Jahrzehnten gewandelt: die Verachtung der unermüdlichen Sucher nach der „echten“ Wahrheit und Schönheit ist dem Interesse gewichen, an solchen Stoffen Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte zu analysieren. Auch das Banale sagt uns etwas über seine Zeit – und im günstigen Fall auch über uns selbst. Und genau dann ist es ein Stoff für das Theater heute. Nicht umsonst steigt selbst die „Geier-Wally“ hin und wieder ins Bühnen-Hochgebirg‘.

Wer heute also „Tiefland“ erzählen will, muss genau hinschauen: Den bösen Grundherrn Sebastiano einfach zum kapitalistischen Fabrikbesitzer zu verwandeln, wie es Anselm Weber in seiner Frankfurter Inszenierung 2006 getan hat, genügt nicht. Katharina Wagner versuchte 2011 in Mainz, einen grotesken Albtraum zu zeigen, hat aber die Geschichte in einer Bilder- und Deutungsflut erstickt. Andere Inszenierungen der letzten Jahre, so etwa an der Deutschen Oper am Rhein, versuchten nicht ohne Fortüne, die Figuren des Stücks durch eine kluge Personenführung aus den Fesseln plakativer Vordergründigkeit zu befreien.

In Nordhausen bewegt sich das Team Toni Burkhardt (Regie), Wolfgang Kurima Rauschning (Bühne) und Udo Herbster (Kostüme) zwischen behutsamer Stilisierung und naturalistischer Schilderung. Die faltigen Gipfel der Berge, zwischen denen Pedro Schafe hütet und Vaterunser betet, sind purpurglänzende Stoffbahnen. Nach dem Vorspiel im Gebirge werden sie weggezogen und enthüllen eine brettervernagelte Tenne und ein zwergiges Häuschen. Dort bekichern drei Weiber in gleich geschnittenen, nur durch die Farben unterschiedenen Kittelschürzen im Stil der sechziger Jahre die Naivität des Hirten, der als einziger das böse Spiel seines Herrn nicht durchschaut.

Die heile Welt der Berge wird als bloße Vorstellung enttarnt, aus der sich der naive Pedro mit seinem Abstieg unwiderruflich, aber ohne es zu wissen, verabschiedet. Am Ende, als der menschliche Wolf Sebastiano seine Seele verröchelt hat, beschwören Pedro und Marta diese lautere und gute Welt – aber die Rückkehr gelingt nicht: Verzweifelt zieht er die Hülle an sich, ringt mit dem Stoff, will das Gebirge zurückzwingen. Vergeblich.

Dieser Ansatz hat etwas für sich: Er kritisiert den Gegensatz zwischen unverfälschter – und daher moralisch unverdorbener – Natur und verderbter Zivilisation als Mangel an Erkenntnis. Und er eröffnet die Chance, Pedros „Abstieg“ als Weg aus der Unmündigkeit zu begreifen. Die Konfrontation mit dem Bösen lässt ihn zum Menschen reifen, der das Leid durchmessen hat, ohne seine ethischen Werte zu verraten. Leider hat Burkhardt die Chance vertan, diesen Ansatz durch eine ausgefeilte Personenregie zu vertiefen. Die Gänge und Gesten kommen nicht über eine vordergründige Eins-zu-Eins-Umsetzung hinaus, wirken unbeholfen, immer wieder unfreiwillig komisch. Dazu zählt die steife Leidensmiene der flachsblonden Marta ebenso wie die klischiert verzerrte Bösewichts-Fratze Sebastianos.

Wenn sich Marta zu „O Gott im Himmel“ auf die Knie fallen lässt und die gefalteten Hände ringt, hat das etwas von der Pathetik alter „Via Mala“-Filme, ohne deren stilistische Distanz zu erreichen. Und wenn sie dem Publikum über die Rampe entgegenschleudert, sie habe ihre Schwäche von dereinst überwunden, lässt die Proklamation eher schmunzeln als dass sie etwas über die Selbstwerdung dieser traumatisierten Frau verraten könnte. Auch die permanente Fingerakrobatik, die dem unverdorbenen Kind Nuri abverlangt wird, lässt die Grenze zum Lachhaften öfter hinter sich. Ein Glück, dass Elena Puszta, Preisträgerin im Bundeswettbewerb Gesang und jüngst Siegerin des Nico-Dostal-Operettenwettbewerbs, die Partie mit einer wunderschön geführten Stimme adelt.

Rettung erwuchs aus der Musik und aus einzelnen Sängerpersönlichkeiten. Joshua Farrier befreit sich selbst mit einigem Erfolg aus dem Klischee des dumpfbackigen Naivlings. Eine klügere Regie hätte ihm sicher noch geholfen, die seelische Qual eines Menschen darzustellen, der mit Entsetzen erkennt, dass die Abgründe der Existenz weit über die Gefahr durch einen angreifenden Wolf hinausgehen. Farrier gibt dem Pedro die naiven, die gutherzigen, aber auch die jähzornigen Züge eines Menschen, der einen schmerzhaften Prozess seelischer Selbstwerdung durchleidet. Überwältigend ist die Sicherheit und Strahlkraft seines Tenors: einwandfrei die Artikulation, gut gestützt die Piani- und Mezzavoce-Momente, frei und leuchtend die Höhe. Eine veritable Entdeckung!

Bianca Koch als Marta gelingt es nicht, sich den Fesseln zu entwinden, mit denen sie die Regie an ein vordergründiges heulendes Elend bindet. Dabei verkörpert sie die spannendste Figur des Stücks, denn Marta befreit sich von den Traumata des Missbrauchs und der Sprachlosigkeit: Die Authentizität Pedros wird ihr zum Kraftquell, durch den sie ihre eigenen Quellen des Widerstands gegen die Entwertung zum sexuell ausgebeuteten Objekt freilegt. Der Text spricht deutlich davon; die Regie lässt die Chancen differenzierter Charakterisierung ungenutzt. Koch hätte das Material für einen jugendlich dramatischen Sopran, wäre da nicht die ungenügend gebildete Mittellage und eine erzwungene, nicht frei strömende Höhe.

Auch bei Kai Günther, dem sadistischen Sebastiano, wären jenseits schwarzer Boshaftigkeit wenigstens Spuren einer differenzierenden Sicht auf die Person zu entdecken: Über seine funktionale Rolle als Repräsentant des verdorbenen Tieflands und einer unterdrückerischen Gesellschaftsordnung ist er auch einsames Produkt einer ökonomischen und sozialen Ordnung, die es ihm unmöglich macht, sexuelle Gier und Liebe zu unterscheiden. Günther gibt dieser verhängnisvoll in sich selbst verstrickten Person mit schlagkräftigem, voluminösem Bariton die schwarze Farbe des Bösen.

Kammersänger Jürgen Trekel, über 40 Jahre lang Stütze des Opernensembles in Halle, gestaltete als Gast die Partie des Tommaso, gespeist aus reicher Theatererfahrung und stimmlich nach wie vor unanfechtbar. Dirigent Markus L. Frank bekennt sich im Programmheft zu d’Alberts hochemotionaler Musik und lässt das Loh-Orchester Sondershausen geschmeidig und in vielen Momenten aufmerksam für die Klangmixturen musizieren. Die direkte Akustik der Nordhäuser Theatersaals macht freilich auch hörbar, dass d’Alberts Musik nicht nur die dichten Höhepunkte etwa der Wolfserzählung oder der Selbstoffenbarung Martas kennt, sondern auch die geschickte kapellmeisterliche Routine. Sorgsam einstudiert: der kleine Chor Elena Pierinis. – Begeisterter Beifall zur Premiere, in deren Publikum auch junge Gesichter zu entdecken waren. Eine Patenklasse hat die Inszenierung von der Probe bis zur Premiere begleitet; die Urteile beeindruckter Schülerinnen und Schüler sind im Programmheft nachzulesen: Vorbildhaft, was ein Theater fern der Metropolen für die kulturelle Bildung leistet.

Werner Häußner

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