Der Neue Merker

7. DEZEMBER 2017

Heute an der Seite ihres Ehemannes auf der Scala-Bühne: Anna Netrebko. Copyright: Marco Brescia/ Rudy Amisano

MAILAND: HEUTE SAISONERÖFFNUNG 2017  2017 MIT „ANDREA CHENIER“

Am 7. Dezember überträgt ARTE traditionell die Saisoneröffnung aus der Mailänder Scala. In diesem Jahr steht die Oper „Andrea Chénier“ von Umberto Giordano auf dem Eröffnungsprogramm. Anna Netrebko tritt als Maddalena an der Seite ihres Ehemanns Yusif Eyvazov auf, der den Poeten Andrea Chénier verkörpert. Zur diesjährigen Saisoneröffnung steht Riccardo Chailly am Pult der Scala. Beginn der Übertragung: 22,10 h

Die Macht des Mailänder Publikums
Was gefällt und was nicht, das entscheidet an der Mailänder Scala das Publikum: mit Gebrüll, Pfiffen oder Applaus. Und dabei spielte und spielt nie eine Rolle, wie berühmt ein Künstler war oder ist, der auf der Bühne erscheint. Die Liste der Stars, die hier einen katastrophalen Abend überstehen mussten, ist lang.
https://www.br-klassik.de/themen/oper/mailaender-scala-skandale-100.html

22 h Heinrich Schramm-Schiessl hat am Radio mitgehört:

Erste Eindrücke über den Applaus aus der vor ca. 30 Minuten zu Ende gegangen Radio-Übertragung: Großer Jubel für die Sänger und den Dirigenten – leider erzählen die Moderatoren der RAI nicht, wer gerade vor dem Vorhang ist – verhaltene Mißfallensäußerungen für das Regieteam. Zumindest am Schluss keine Proteste gegen Yusif Eyvazov.

Alexander Pereira preist seine Stars an, wie er es früher mit seinen Schreibmaschinen getan hat

 

Eine legendäre „Olivetti“ – schon lange vor Pereiras Zeit bei dieser Firma

Für Alexander Pereira ist Anna Netrebko die „größte Sängerin der Welt“
Laut Scala-Intendant Alexander Pereira ist Anna Netrebko die größte Opernsängerin der Welt. „Sie ist auf dem selben Niveau von Maria Callas und Renata Tebaldi“, sagte Pereira. Am Donnerstagabend singen Netrebko und ihr Ehemann Yusif Eyvazov bei der Scala-Saisoneröffnung mit „Andrea Chenier“ von Umberto Giordano. Mailand fiebert seit Tagen der großen Premiere entgegen.
Salzburger Nachrichten
Pereira lobt Netrebko als größte Sängerin der Welt
„Sie ist auf dem selben Niveau wie Maria Callas und Renata Tebaldi“, sagt Alexander Pereira, Intendant der Scala.
Die Presse

„Jeder Händler lobt seine Ware“ – eine Uralt-Regel. Alexander Pereira, unbestreitbar ein Verkaufsgenie, erhebt die Netrebko auf eine Stufe mit der Callas oder der Tebaldi. Er dürfte damit in die Nähe der Wahrheit kommen, ob eine derartige Anpreisung unter Opernfreunden (es gibt viele, für die die Zeit bei besagten Sangesgrößen stehengeblieben ist) klug ist, lasse ich dahingestellt. Allerdings, Pereira ist sicher ein besserer Verkäufer als ich es je war. Deswegen ist mein Einwand ketzerisch!

Der Leser Franco Bastiano meint dazu:

Caro Online-Merker,

Pereira hat zweifellos Einiges bewirkt mit seinen Fähigkeiten eines guten Vertreters. Er hat aber auch viel Blödsinn von sich gegeben. Der größte nun: Netrebko mit der CALLAS zu vergleichen. Das ist ein Witz.

Ich habe die Callas sechs Mal live gehört in der Oper, drei Mal im Konzert. Das große Frieren ergreift mich noch heute, wenn ich ihren Namen ausspreche. Bei Netrebko friert bei mir nichts. Das wäre ein untrügliches Zeichen.

Wenn die Callas die Bühne betrat, schon ohne zu singen, war man gebannt und hielt die Bühne für die Wirklichkeit. Aber wenn sie sang … sie war stets die, die sie verkörperte. Unvergleichlich.
Cordialmente FB

Peter Skorepa schreibt: damit Du auch eine unaufgeregte Meinung zum Thema NETRBKO hast: ein Auschnitt aus meiner Trovatore-Kritik vom September dieses Jahres:

„Und was machen die vier besten Sänger der Welt? Mit Fug und Recht kann man das bestenfalls von den beiden Damen sagen, wobei zu bemerken wäre, dass Luciana D´Intino als Azucena diesmal auf Augenhöhe mit ihrer noch etwas vorsichtig agierenden russischen Kollegin Anna Netrebko sang. Letztere sorgte für den stimmlich absoluten Wohlklang, erstere für mitreißende dramatische Entäußerungen, beide mit ähnlich-pastosem Tiefenklang. Auch für die Leonora kann man in Vergleichen sprechen. Was in diesem Rollenfach heute die russische Sängerin darstellt, wäre in Ihrer Sonderstellung etwa jener der Tebaldi der Fünfzigerjahre vergleichbar, nur hatte die im Vergleich genannte damals als Gegenspielerin eine Callas. Und dieses Gegenstück fehlt momentan. (Aber bevor ich für hinkende Vergleiche geohrfeigt werde: Mir ist die Unvollkommenheit und Subjektivität von solchen sehr bewusst!)“

Der Scala Direktor irrt, wenn er BEIDE Sängerinnen aus der seligen Vergangenheit mit der Netrebko vergleicht. Mein Vergleich ergibt eher die objektive Darstellung dieser Zeit: der heutigen Netrebko, die einer damaligen Tebaldi durchaus vergleichbar wäre, fehlt heute das tatsächlich in einer anderen Galaxie spielende und singende Gegenstück, wie es die Tebaldi in der Callas hatte (Nur zur Info, ich sah und hörte beide).

Man muss aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die Leistung der Callas heute anderen Beurteilungskriterien unterzogen wäre.

Wien/ Staatsoper: Lulu“ – erste Vorstellung nach der Premiere

Ich kann mich nicht erinnern, dass Renate Wagner jemals eine Premiere ausgelassen hat. Diesmal gab es diesbezüglich eine Premiere, denn die nicht leicht ergründliche Terminplanung unserer Theaterchefs sah die Lulu-Premiere gleichzeit mit dem „Ring-Finale“ im Theater an der Wien vor. So war für R.W. eben gestern die „Lulu“-Premiere
„Lulu“-Balanceakt. Agneta Eichenholz. Copyright: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Man kann Beispiele dafür nennen, dass an der Wiener Staatsoper brauchbare, funktionierende Inszenierungen gegen neue ausgetauscht wurden, die eher schlechter waren. Den Fehler hat man bei „Lulu“ nicht gemacht. Wenn man Alban Bergs Oper nun erstmals am Haus in der „komplettierten“ Fassung durch Friedrich Cerha zeigt (was durchaus Sinn macht, wenngleich es nun ein fast vierstündiger Monster-Abend mit zwei Pausen ist), dann hat man sich glücklicherweise daran erinnert, dass man eine „Lulu“-Inszenierung besitzt, die schon bei ihrer Entstehung im Jahr 2000 als meisterlich erkennbar war…

Darin bewegt sich nun Agneta Eichenholz in der Titelrolle, und wer ihre fast bewegungslose schwarze Totengöttin in der Londoner Aufführung (auf DVD zugänglich) gesehen hat, wird die Lebendigkeit schätzen, die sie in Deckers Version zulegt. Die Sängerin ist nicht jung genug, um Lulu als naives halbes Kind zu spielen, sie würde es wohl auch nicht wollen. Es ist wunderbar, wie kühl kalkulierend sie durch ihr Schicksal geht, ob aus Überlegung, ob aus Instinkt alles richtig machend, um möglichst viel Schaden anzurichten…Bemerkenswert die Wandlung am Ende vom Luxusgeschöpf zum abgewrackten Stück Frau in London, die billige Hure als letzte Station. Und sie singt die höchst schwierige Partie mit einer hellen und klaren Stimme quasi im Parlando-Stil, mit einer stupenden Selbstverständlichkeit und scheinbarer Leichtigkeit, die diese Lulu aus einem Guß vor das Publikum hinstellt. Und ihr finaler Todesschrei geht durch Mark und Bein.

Willy Decker hat sich nicht gescheut (wir sind am Theater), die Gräfin Geschwitz mit den Attributen auszustatten, die man Lesben zuschrieb – das männliche Gewand zu Beginn, die Frisur, der Habitus. Angela Denoke singt ihre erste Geschwitz – dass sie zwischen Mezzo und Sopran changieren kann, weil man von ihr, stimmlich und vor allem darstellerisch gelingt ein Bild hoffnungsloser Besessenheit, wobei sie bemerkenswert ohne Theatralik auskommt. Das ist Schmerz, der in sich hineingefressen wird…

Aber ab dem 3. Akt bröckelt Lulus Macht. Davor entzieht sich nur Schigolch ihrer Faszination: Schlechtweg wunderbar, wie Franz Grundheber wie eine Art fröhlicher Sandler durch die Handlung wankt, einer, der diese Lulu seit ihrer Kindheit im Griff hat und dem sie nichts antun kann… 

Zur Rezension von Renate Wagner

Wiener Staatsoper: „Elektra“. Unser Rezensent löst das Rätsel um den Lift im Palast von Mykene
Waltraud Meier (Klytämnestra) im Lift. Copyright: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Geheimnis des ELEKTRA-Liftes gelöst

Dem Altertumsforscher Uwe Eric Laufenberg war es gelungen, nach Beseitigung der letzten Reste an Zyklopenmauerwerk – teilweise noch von Wieland Wagner, aber auch zurückreichend bis ins letzte Kaiserreich von dem antiken Baumeister Alfred Roller stammend – eine Liftanlage aus dem sagenumwobenen alten Griechenland freizulegen und deren geheimnisvoller Verwendung endlich auf die Spur zu kommen.

Es ist der Fluch der Atriden, welcher diese Sippe, Nachkommen des Tantalos interfamiliär zu mörderischer Dezimierung bis ins fünfte Glied veranlasst hat. Der unselige Vorfahr, Halbgott Tantalos hatte seiner vollgöttlichen Verwandtschaft seinen geschlachteten und nach bester Kochkunstmanier zubereiteten Sohn Pelops zum Fraß vorgesetzt, diese hatte aber trotz überreicher Würzung den Schwindel erkannt. Die Folge: Fluchbelegung und Verbannung von Tantalos in den Strafort der Unterwelt, dem Tartaros.

Was lag also näher, für die genealogisch ablaufenden Leichentransporte in dieser Familie vom Palast zu Mykene eine Liftanlage hinunter in den Tartaros zu bauen, noch dazu, wo dieser noch ein Stockwerk unter dem Hades angelegt war. Die Verbannung in diesen Ort war ein unwiderruflicher. Jetzt wissen die Leser des OnlineMERKER hoffentlich etwas anzufangen mit diesem kuriosen Inszenierungsdetail, dem Fahrstuhl zur Hölle für die Nachfahren des Tantalos…

Elena Pankratova aus Jekaterinburg war für die erkrankte Evelyn Herlitzius eingesprungen und ersetzte die Hochdramatik der Letzteren beinahe vollgültig, ist sie doch bereits seit 2010 als Färberin in Florenz und als Kundry in Bayreuth seit 2016 „im Geschäft“, das von Norma bis Tosca und von Ortrud bis Rosalinde reicht, aber auch Turandot, wie in der Wiener Staatsoper. Gerade etwas ungelenk wirkt zum Schluss ihr Freudentanz, aber Elektra ist ja kein Ballettabend...

Zur Kritik von Peter Skorepa

Zu den Strauss-Tagen liefert Thomas Prochazka auf http://www.dermerker.com/ einige hochinteressante Beiträge

www.dermerker.com

Wiener Staatsoper: Strauss Ausstellung im Gustav Mahler – Saal:

Diese kleine aber interessante Ausstellung aus Anlass der Srauss-Tage im Mahler-Saal über die Wiener Staatsoper in Verbindung mit Richard Strauss, deren Co-Direktor mit Franz Schalk er ja von 1919 bis 1924 war, gibt auch einige „Geheimnisse“ vom Dirigenten preis. Da erfährt man einiges über seine, vor allem bei Bülow gewonnenen Erkenntnisse über „Lautstärkeregelungen“ und Dirigieranweisungen, die sich auf einen unbedingten Minimalismus in Handzeichen und Blicken beschränkte. Weiteres über das Repertoire unter Strauss, die Künstlerinnen und Künstler und sein Opernschaffen sind zu sehen.

Die am Abend der „Elektra“-Vorstellung eröffnete sehenswerte Ausstellung ist für alle Besucher vor den Vorstellungen und in den jeweiligen Pausen frei zugänglich.

Berlin: Staatsoper „Unter den Linden“ wird heute 275 Jahre alt

Berlins Staatsoper feiert Geburtstag. Keine Baustelle mehr
Berliner Morgenpost
Wo Adel auf Bürgertum traf
Zweiter Teil der Serie über die Geschichte der Staatsoper
Berliner Morgenpost
Lange Amtszeiten haben Tradition
Dritter und letzter Teil der Serie zur Geschichte der Oper: Daniel Barenboims historische Kontinuitäten
Am 7. Dezember wird das Opernhaus Unter den Linden 275 Jahre alt. Einen Tag später feiert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ Premiere. Es ist der Beginn des Regelbetriebs in der Staatsoper nach über sieben Jahren sanierungsbedingter Pause an diesem Ort
Berliner Morgenpost

Mörbisch-Intendanz: Gerald Pichowetz klagt Seefestspiele
Der vorzeitige Abgang von Pichowetz könnte ein Nachspiel haben. Details zum Inhalt der Klage sind noch nicht bekannt
Die Presse

Wir wissen nicht, wie sich die Sache tatsächlich abgespielt hat. Ich gehe aber davon aus, dass der Anwalt des Herrn Pichowetz weiß, was er tut. Jedenfalls verspricht dieser „genossenschaftliche Streitfall“ für Hobbyjuristen, wie ich einer bin, interessant zu werden!

Wien/ Burgtheater: Ältester Burgtheater-Schauspieler gestorben
Hannes Schiel im 104. Lebensjahr verstorben
Kurier

Wien/ Belvedere: „Schweres Erbe“ und „skandalöser Zustand“ des Belvedere
Zwischen großer Freude und großem Ärger schwankte heute das neue Leitungsduo des Belvedere bei seiner ersten Jahrespressekonferenz. „Wir sind sehr froh und sehr stolz, weil das Jahr 2017 wieder als ein Rekordjahr in die Annalen eingehen wird“, sagte Generaldirektorin Stella Rollig. „Wir finden hier einen Zustand vor, der skandalös ist“, zürnte der Wirtschaftliche Geschäftsführer Wolfgang Bergmann.
Wiener Zeitung
Belvedere kämpft mit „skandalöser Ära Husslein“
Der Standard

Eine gute Nachrede hat sich Agnes Husslein im Belvedere nicht erworben. Auch hier gilt: ohne Detailwissen keine Meinungsabgabe! Aber irgendwie kommt mir das wie „Nachtreten“ vor. Im Fußball gibt es dafür die Rote Karte!

Filme der Woche:
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Jeder erinnert sich noch an die Sensation, als 1991 in den Dolomiten von Wanderern die „Eismumie“ gefunden wurde – gerade ein paar Meter weit in Südtirol, dass der Mann aus der Jungsteinzeit „Italiener“ wurde und nicht Österreicher, schon ein Pech. Aber „Ötzi“, wie man ihn liebevoll nennt, ist zum medialen Allgemeingut geworden, durch seinen gewaltsamen Tod zusätzlich geheimnisumwittert. Kurz, man wundert sich eigentlich, dass man noch nicht früher einen Film über ihn gedreht hat.

Aber was soll man erzählen? Nun, wir können davon ausgehen, dass das Filmteam rund um Regisseur und Drehbuchautor Felix Randau gewissenhaft gearbeitet hat, wenn es uns erzählen will, wie das Leben in der Jungsteinzeit so verlief. In den Bergen, dort, wo man den Ötzi fand. Wie sehen also zu, wie ein Clan in ziemlich gut gebauten Hütten wohnt, seine Tiere hält, die Männer ziehen zur Jagd aus, Frauen und Kinder sind freundlich. Es gibt ein Doppelbett mit Fellen, wir sehen ein bisschen vom Arbeitsalltag, die Frauen weben, die Männer sind mit dem Steinhammer unterwegs.. Wie sie sprechen, versteht man sie nicht (und es wird auch durch keine Untertitel erläutert) – es sei eine frühe Form von Rätoromanisch, hat man gelesen, und die Schauspieler müssen einfach durch ihr Spiel klar machen, worum es geht. Das funktioniert…

Österreich: „Vollholler“ zum Wort des Jahres gewählt
Von „anpatzen“ über „Vollholler“ und „Wahlkrampf“ bis „Erregungsmauer“ und „Trumpeltier“ – das heurige Wahljahr dominierte auch die Auswahl zum Wort des Jahres 2017. Die Entscheidung fiel schließlich auf „Vollholler“.
http://steiermark.orf.at/news/stories/2882622/

Ist das nun wirklich ein Trost für den Kanzler, der seine Partei (vermutlich) in die Opposition geführt hat? „Wort des Jahres“ – das ist immerhin etwas!

Ich wünsche einen schönen Tag!

A.C.

 

 

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