Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: „ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN“ von Joseph Kesselring. „Zittern in der Nacht“

STUTTGART: „Arsen und Spitzenhäubchen“ von Joseph Kesselring im Schauspielhaus Stuttgart

ZITTERN IN DER NACHT

„Arsen und Spitzenhäubchen“ von Joseph Kesselring am 15. 6. 2017 im Schauspielhaus

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Marietta Meguid, Rahel Ohm, Christian Schneeweiß. Copyright: Bettina Stoess

„Ich hab‘ immer gewusst, wenn du groß bist, schreibst du Theaterstücke mit einem Polizisten“, sagt Lieutenant Rooney O’Hara, den Ferdinand Lehmann mit Nonchalance mimt. Jan Bosse hat die Komödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ nach dem gleichnamigen Film von Frank Capra rasant und trotz gewisser szenischer Brüche abwechslungsreich inszeniert. Vor allem die Rolle der Polizei wird hier in frecher Weise auf den Kopf gestellt.

Die Familie Brewster wirkt arg gestresst und zeigt Anzeichen absoluten Wahnsinns. Rahel Ohm und Marietta Meguid spielen hintersinnig und emotional die beiden Schwestern Abby und Martha, die nacheinander einsame ältere Herren um die Ecke bringen. Sebastian Röhrle mimt virtuos Teddy Brewster, der sich wild trompetenspielend für den Präsidenten der Vereinigten Staaten hält. Im Keller befindet sich auch der Panama Kanal, in dem die beiden Damen regelmäßig ihre Opfer begraben. Immer mal wieder taucht auch eine Leiche auf, was für verzwickte Situationskomik und überaus hektische Betriebsamkeit sorgt. Mortimer Brewster wird von Manolo Bertling überzeugend dargestellt. Er ist ein recht erfolgreicher Theaterkritiker, der aber mit den schwierigen Situationen im Haus völlig überfordert ist. Kurzerhand entdeckt er eine neue Leiche und entwickelt nach einem hysterischen Anfall so etwas wie analytisches Denken und messerscharfen Verstand. Aber die beiden Tanten bringen ihn trotzdem fast um die Existenz. Denn sie haben ihm offen gestanden, dass sie die Täterinnen sind. Christian Schneeweiß zeigt als Jonathan Brewster ausgesprochenes komödiantisches Talent, denn er stellt einen gesuchten Schwerverbrecher mit dem Gesicht von Boris Karloff dar. Astrid Meyerfeldt brilliert als sein Kompagnon Doktor Einstein, der Jonathan mit regelmäßigen Umoperationen beglückt, um seine perfekte Tarnung zu gewährleisten. Die beiden wollen dann ebenfalls eine Leiche verschwinden lassen und sorgen für weiteres Chaos auf der von Moritz Müller weitgehend geräumig eingerichteten Bühne.

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Manolo Bertling, Lea Ruckpaul. Copyright: Bettina Stoess

Die Polizei in Gestalt von Lieutenant Rooney O’Hara geht zwar Anzeigen nächtlicher Ruhestörung nach, tappt aber immer im Dunkeln. Als Mortimers Verlobte Elaine Harper gefällt außerdem Lea Ruckpaul mit reichlich hysterisch-tänzerischer Überzeichnung: „Du hast mein Leben zerstört, du mieser Kritiker!“ Sie wird von dem wildgewordenen Jonathan fast umgebracht. Auch die beiden Tanten flüchten schreiend vor dem Verrückten, der das Haus völlig unsicher macht. Man erfährt dann, dass sogar der etwas tuntenhaft wirkende Polizist Theaterstücke schreibt. Er führt sein selbst geschriebenes, schlechtes Werk dem verdutzten Mortimer in einem „Plot“ vor.

Grell arbeitet Jan Bosse die Einschüchterung der Tanten durch Jonathan heraus. Mortimer entdeckt Jonathans mitgebrachte Leiche und droht diesem und Doktor Einstein, die Angelegenheit der Polizei zu melden, wenn sie nicht sofort verschwinden. Bei diesen Szenen fällt bei der Inszenierung eine starke Situationskomik auf, Elaines und Mortimers Auftritte bestechen aufgrund atemloser Slapstick-Szenen. Die schwere Schlägerei mit den drei Streifenpolizisten hat Bosse weitgehend gestrichen. O’Haras Provokation gegenüber Jonathan, der diesen als Frankenstein bezeichnet, wird hier deutlich abgeschwächt. Es brodelt eher untergründig, das Klamaukhafte steht im Vordergrund, was zuweilen fast zu grell und aufgesetzt wirkt. Wenn das Licht ausgeht, kommt das große Zittern in der Nacht. Die Elemente des Horror-Films wirken hier aber weniger furchteinflößend. In der oberen Etage nimmt man zwischen Art-Deco-Möbeln historische Bilder von Jagd-Veteranen wahr. Dem zunächst gefesselten und dann befreiten Mortimer gelingt es, seine Tanten und auch Teddy in ein Sanatorium einweisen zu lassen, was Doktor Einstein unterschreibt, bevor er fliehen kann. Mortimer erfährt von seinen Tanten schließlich, dass er als Kind adoptiert wurde und daher keine erbliche Geisteskrankheit fürchten muss. Beruhigt kann er mit seiner Braut auf Hochzeitsreise gehen.

In weiteren Rollen überzeugt weitgehend Michael Stiller als Dr. Harper und Mr. Gibbs. Die Kostüme von Kathrin Plath und die Musik von Arno Kraehahn passen gut zur Handlung. Das Publikum amüsierte sich – und dies nicht nur, weil zuletzt das ganze Haus auseinandergesprengt wird. Hübsche Regieeinfälle.

Alexander Walther

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