Der Neue Merker

12. JÄNNER 2018

Heute Jubiläumsvorstellung „600 Mal die „Wallmann-Tosca“ an der Wiener Staatsoper. Gemeint ist natürlich die Wallmann-Inszenierung, denn „Tosca“ ist immer noch von Puccini.

Margarethe Wallmann in einer Zeichnung

Die Frage dabei ist, ob es sich tatsächlich um die „Wallmann-Tosca“, oder nur um deren Skelett handelt. Margarethe Wallmann schreibt bereits 1976 in ihren Erinnerungen:

“ Meine Inszenierung von TOSCA ist in Wien , zwanzig Jahre später (1976) , immer noch populär . Aber nach dem Abgang von Karajan und von mir  ist in dieser Aufführung nichts mehr intakt geblieben. Das ist das undankbare an meinem Beruf :  man bleibt immer verantwortlich für eine Inszenierung , während (  auch  als Folge wechselnder Künstler)  alle  Einfälle, die Bewegungsabläufe, die Intensität der Interpretation mit der Zeit verblassen. Nehmen wir ein Beispiel:
In dem Augenblick, als Tosca  ansetzt, Scarpia zu ermorden , versteckt sie das Messer in ihrem langen Schleier aus grünem Tüll.  Scarpia, beim Versuch, ihr die Klinge zu entwenden, die ihn durchbohrt,  verfängt sich in ihm . Er bricht zusammen und  verwickelt sich in dem Stoff : der Schleier, wie eine giftige grüne Schlange wickelt sich um seinen schwarzen Frack.  Als Tosca fliehen will,  versucht sie vergeblich,  ihren Schal  wieder zu bekommen, die erstarrten Händen des Toten halten ihn fest.  Sie zieht heftig daran , der Arm hebt sich wie in einer letzten finsteren Drohung, und fällt zurück, ohne  das verräterische Gewand loszulassen. Das ist der Beweis, der es den Schergen  ermöglicht, sofort die Identität des Mörders  festzustellen.  Diese Schergen, wie große schwarze Vögel, eine albtraumhafte   kafkaeske  Zwangsvorstellung, nisten sie auf dem Weg  im Rundgang der Engelsburg , sie brauchen nur mehr auf ihre Beute warten.  Von all dem, nichts mehr: Im Allgemeinen, in solchen Fällen,  verfällt die Aufführung in den Schlendrian der Routine, der ärgste Feind der Kunst. Für mich,  professionell aus Berufung, ist das sehr schmerzlich :  bin ich nicht manchmal wie eine arme Mutter, gezwungen, ihre Kinder zu verlassen, und die  zu ihrer vielfachen Reproduktion zulassen muß, dass man ihnen Arme und Beine  abschlägt…

Wie Margarethe Wallmann diese Szene angelegt hat, werden die Zuschauer heute nicht sehen. Längst hat sich in dieser Inszenierung eine eigene entwickelt, zahlreiche Diven haben ihr eigenes „Süppchen gekocht“.

Elena Habermann hat früher – wie viele unserer Mitarbeiter – in der Wiener Staatsoper statiert – und konnte den Weg dieser „Tosca“ mitverfolgen:

Die Wallmann Inszenierung hat einen sehr guten Grundriss. Glaubt mir, ich kenne sie sehr gut, von der Premiere an. Tebaldi, Zampieri, Gobbi, Dönch, Weber, Majkut ect., von Karajan am Pult, eine tolle Sache. Mitgespielt habe ich ab 1964 – 1991 bei nahezu jeder Vorstellung.

Bis zur Holender Direktion wurde auch daran nie gerüttelt. Vorher wurde kein einziger Auftritt weggespart oder vereinfacht, da stimmte alles. Das Regiebuch ist sehr sorgsam geführt, wer das damals geschrieben hat,  weiß ich nicht, Peter Busse denke ich nicht. Holender räumte die rechte Seite im ersten Bild, wo die „Maddalena“ steht, völlig leer, alle Kompaserieauftritte wurden weggespart, sogar der Weihrauch in der Prozession, die Prozession selber sehr stark bechnitten. Heute taumelt eine Nonne mit schlechtgetragener großer Fahne über die Bühne, ORIGINAL WAR:  24 KINDER GINGEN PAARWEISE; ALSO 12 PAARE ÜBER DIE BÜHNE.
Die Gänge der Sänger sind gut verzeichnet und auch immer von der Abendregie gut weitergegeben.

Der 2. Akt ist bis auf das 2. Kostüm des Scarpia genau wie bei der Premiere. Wobei das Privatgewand des Polizeichefs für die Situation der Szene sehr wichtig ist, es ist auch für den Künstler ungemein bequemer zu tragen. Ich weiß, dass es den sängern nicht einmal mehr angeboten wird. 

Dass man früher in der Maske bei Bärten zu weißer Barockperücke strenger, war ist bekannt. Da mußten sich Träger mit großen Namen rasieren.

Der dritte Akt ist szenisch nach wie vor in Ordnung, das Hinrichtungskommando tritt auch immer auf, und nach 60 Jahren Aufführungspraxis gab es auch nur einen Sprungunfall. Bei diesem war viel Pech dabei. Die Schergen Michael Burggasser & Co. gestalten ihre Auftritte nach wie vor sehr gekonnt und der Inszenierung entgegenkommend – also etwas überzeichnet.

Wenn man den ersten Akt wieder normal herstellt, wäre die Sache wie bei der Premiere. Einige Proben – und schon läuft es. Eine schöne, praktisch zu bauende Produktion.

 

Wir weisen auf unsere Veranstaltung über Margarethe Wallmann am 24.1. in unserer Galerie/Geschäftsstelle hin. Merken Sie sich den Termin dick vor. Der Eintritt ist wie immer frei!

Wiener Staatsoper: LA FILLE DU RÈGIMENT


Sabine Devieilhe, John Tessier, Carlos Alvarez.  Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ein erster Bericht liegt schon vor, weitere werden folgen. Sieglinde Pfabigan schreibt in ihrer „Nachtkritik“: Abermals erlebten wir eine Marie, der vom ersten Auftreten an alle Herzen zuflogen – nicht nur die der französischen Soldaten und die des jungenTiroler Lebensretters, sondern auch die des Publikums:die Pariserin Sabine Devieilhe. Was attraktive junge Damen betrifft, kann man unserem Herrn Direktor einen  guten Geschmack nicht absprechen. Ein reizendes, quicklebendiges Geschöpf mit klarem, bravourös alle Höhen erklimmendem, sehr beweglichem Sopran, temperamentvoll, selbstbewusst, von einem Gefühl zum anderen so jäh wechselnd, dass das immer Lacher hervorruft, und als liebendes Mädchen nicht sentimental, sondern mit jugendlichem Übermut sich in die Arme ihres Tonio werfend. Der war uns kein Unbekannter. Der Kanadier John Tessier, großgewachsen, mit fliegenden blonden Haaren, überaus sportlich und durchwegs sympathisch, schaffte er mit angenehmem Tenor auch seine hohen Cs sicher. Dass sie weicher klangen als Flòrez sie mit seiner unglaublichen Strahlkraft zum Besten gab, soll Tessier keine Vorwürfe eintragen…

Zum Bericht von Sieglinde Pfabigan

Der Wiener Opernball 2018 wurde gestern vorgestellt:
Dominique Meyer und Maria Großbauer stellen sich den Fotografen. Foto: Ernst Kopica

Über den Opernball und dessen Verlauf wird wohl noch viel zu berichten sein. Insgeheim hoffe ich, dass es nicht gar zu viel wird, denn das würde bedeuten, dass sonst nicht viel in der Oper los ist! Sie finden in unseren heutigen „Infos des Tages“/ Aktuelles eigentlich sämtliche Details.

Auch der „Kurier“ fasst die Erkenntnisse der Präsentation, die ich traditionell nicht besucht habe, zusammen

So wird der Opernball 2018 (8. Februar)
Kurier

Salzburgt: Heute neuer Anlauf zur Rektorenbestellung am Mozarteum

Sollte heute das Gremium beschlussfähig gemacht werden (ein Mitglied fehlt noch zur Beschlussfähigkeit, nachdem die Vertragsbedingungen drei Entscheider das Handtuch haben werfen lassen) könnte in einer Sitzung des Unirats noch im Jänner der Rektorenvertrag für Elisabeth Gutjahr beschlossen werden, vorausgesetzt wiederum, die Deutsche gibt es ein bisschen billiger.

Genau das wird passieren, aber auf österreichische Art. Die Dame wird beim Grundbezug nachlassen, die entgangenen Finanzleistungen aber über Sonder-Zulagen wieder bekommen. Das wäre doch gelacht, wenn das nicht möglich wäre.

Das ist so wie mit den Stundensätzen bei öffentlichen Aufträgen: Der Stundensatz wird sehr niedrig angesetzt – und alle jubeln ob der Sparsamkeit. Dafür werden dann eben zur Erbringung der Leistung mehr Stunden als vorgesehen nötig sein – und wir sind schon wieder dort, wo wir hingehören. Dafür gibt es eine treffende Bezeichnung: „Augenauswischerei“

Am Freitag soll eine Sitzung des Universitätsrats stattfinden, die die überlange Vakanz beenden könnte –
Der Standard

ONLINE IN UNSEREN INTERVIEWS: KATERYNA KASPER . In Frankfurt habe ich meine musikalische Heimat gefunden

Die in der Ostukraine geborene Sopranistin Kateryna Kasper ist seit der Spielzeit 2014/2015 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt. Für mich zählt ihr Sopran zu den schönsten Stimmen, die ich kenne und da sie noch am Anfang ihrer Karriere steht, bin ich zuversichtlich, dass wir noch viel von ihr hören werden…

Kateryna Kasper. (c) Andreas Kasper

http://der-neue-merker.eu/kateryna-kasper-in-frankfurt-habe-ich-meine-musikalische-heimat-gefunden

Interview von Marc Rohde im Januar 2018

„Konzertgänger in Berlin“: Nachtluftig echoend: Notos Quartett spielt Schumann, Brahms, Garth Knox
Tja, Kammermusik habe leider keine Zukunft, schrieb einmal der törichtste unbefangenste Kritiker einer großen Berliner Tageszeitung. Von wegen: Hier ist sie, die Zukunft, das Berliner Notos Quartett. Jüngst mit dem allseits beliebten ECHO Klassik gezüchtigt ausgezeichnet etc pp.
https://hundert11.net/dlf-debuet-notosquartett/

Dresden: Vertrag mit Janowski für Dresdner Philharmonie
Der Vertrag der Stadt Dresden mit Marek Janowski (78) als Chefdirigent der Dresdner Philharmonie ist unter Dach und Fach. Das habe Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) bestätigt, berichtet die „Dresdner Morgenpost“ (Freitag). Aus dem Geschäftsbereich Kultur und Tourismus hieß es allerdings am Donnerstagabend, dass die Verhandlungen noch laufen. Laut dem Zeitungsbericht sind noch steuerrechtliche Details zu klären. Die Vertragsdauer betrage drei Jahre ab der Saison 2019/20. Der Stadtrat muss der Entscheidung noch zustimmen.
Musik heute

London: Dirigent Dutoit verlässt RPO nach Vorwürfen sexueller Übergriffe
Vier Frauen beschuldigen den 81-Jährigen Chefdirigenten des Royal Philharmonic Orchestras in London, übergriffig geworden zu sein.
Die Presse

Dabei ist es doch so einfach und ich stelle mir das sehr romantisch vor:

Die App „LegalFling“ http://legalfling.io bietet ihren Nutzern die Möglichkeit, die Zustimmung für einvernehmlichen Sex auf Knopfdruck zu erteilen und gegebenenfalls zu widerrufen. In der Anwendung lässt sich ein detaillierter Vertrag über gemeinsamen Geschlechtsverkehr erstellen, bei dem unter anderem Kriterien wie Filmdreh, Verhütung und Küssen gewählt oder ausgeschlossen werden können…

Neue App: Sex-Zustimmung und auch Widerruf auf Knopfdruck
https://www.pressetext.com/news/20180111008

Wohl verspätet: Weihnachtsgeschenke aus dem sexuellen Umfeld der Alten Musik
Weihnachten liegt zwar hinter uns, ich gehe aber davon aus, dass auch heuer wieder Weihnachten kommen. Ob bis dahin die „Sex-Welle“ wieder abgeebbt ist, vermag ich nicht zu sagen. Es wäre jedenfalls schlecht für das Geschäft!
http://blogs.faz.net/stuetzen/2017/12/20/weihnachtsgeschenke-aus

Filme der Woche:
Besuchen Sie Renate Wagners FILMSEITE

Die optimistischen Zeiten sind lange vorbei, wo man in die Zukunft als wunderbare Utopie geblickt hat. Heute sind nur noch die „Dystopien“ angesagt, die negativen Angstbilder in die Richtung, wohin sich eine Gesellschaft entwickeln kann. Dabei findet die österreichische Regisseurin Ruth Mader in dem Film „Life Guidance“ einen bemerkenswerten Schnittpunkt – manches, was sie hier in ihrer Hyper-Zukunftsgesellschaft schildert, gibt es schon, etwa die weitgehend strikte Trennung der Gesellschaft in „gute Viertel“ und schäbiges Prekariat, an das man als wohlbestallter Bürger möglichst nicht anstreift.

Andererseits zeigt die Regisseurin die perfekte neue Welt, die sich völlig in die Unfreiheit ihrer Entscheidungen und ihres Verhaltens begeben hat, die den gesellschaftlichen Druck zur Uniformität akzeptiert, ziemlich althergebracht und eindimensional. Die Familie wirkt so flach wie das modern-kühle Haus, in dem sie wohnen – Alexander (ein in der richtigen Attitüde steifer Fritz Karl) und Anna (Katharina Lorenz, undurchschaubar glatt), wie geschleckt, samt Vorzeige-Sohn Franz (Nicolas Jarosch). Spätestens, als man erfährt, dass in der Schule genau nach dem Verhalten und den Äußerungen der Eltern gefragt wird, erhält man bestätigt, was man ohnedies vermutet – das ist eine weitgehend totalitäre, überwachte, in ihren Lebensäußerungen genormte Welt (später wird man Aufzeichnungen der Ehefrau über den Mann finden… für wen wohl?).

Ich wünsche einen schönen Tag!

A.C.

 

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